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Postfaktizität

 

Die Debatte darüber, dass unsere Gesellschaft ihre an Zahlen, Daten und Fakten orientierte Zeit hinter sich habe und ein sogenanntes „postfaktisches Zeitalter“ begänne, ist derzeit ein Dauerbrenner der öffentlichen Debatte. Angeblich breche eine Art Gegenaufklärung an: Die Menschen würden das, was wirklich ist, anfangen anzuzweifeln, zumindest nicht mehr so wichtig nehmen und sich ihren eigenen Reim auf die Welt machen – orientiert an ‚Bauch‘-Gefühlen und subjektiven, mitunter skurrilen, vor allem aber verschwörungstheoretischen und ideologisch eingefärbten Haltungen. Die angeblich aufklärerische Rezeptur dagegen: „Transparenz“ sowie unermüdliche Werbung für die Fakten; also dafür, was nun einmal ‚objektiv‘ beweisbar ist.

Soweit der Mainstream. Wissenschaftliche Zukunftsforschung bewertet diese Situation anders: An der Debatte ‚für‘ oder ‚gegen‘ Fakten beteiligt sie sich nicht. Der Grund: Unsere Urteile gehen von logisch-mehrwertigem Denken aus und ziehen in Betracht, dass diese Mehr-Ebenen-Perspektive auch für das gilt, was wir ‚Wahrheit‘, ‚Wirklichkeit‘ oder ‚belegbare Fakten‘ nennen. Denn unsere Wirklichkeit hat zahlreiche Ebenen; und neben der Wahrheit der Sachen und Phänomene (Sachlogik) gibt es beispielsweise auch eine Wahrheit des Zwischenmenschlichen (Soziallogik) und eine Wahrheit der Zeit (Zeitlogik). Diese Ebenen geraten zunehmend in Konflikt miteinander – das haben wir uns angewöhnt, „Komplexität“ zu nennen.

Die Wertung wissenschaftlicher Zukunftsforschung

Bruch im Weltbild

Als Zukunftsforscher begrüßen wir die Hauptaspekte dieser neuen Situation (Versuche einer intolerant-ausgrenzenden, gewaltsamen Durchsetzung der ‚eigenen Wahrheit‘ selbstverständlich nicht). Dass moderne Gesellschaften anfangen, die Autorität der Jahrtausende alten Dominanz sachlogischen Denkens in Frage zu stellen, ist aus zukunftsforscherischer Sicht keine Katastrophe, sondern kann – umgekehrt – im Fall des Gelingens zu einer Aufstufung unserer Zivilisation führen. Ein neuartiges Zivilisationsmerkmal und Indikator für erste hartnäckige Versuche komplexen Denkens ‚von unten‘, das heißt aus der Gesellschaft heraus. Ganz allmählich lernen wir, uns ‚von der Realität nicht mehr düpieren‘ zu lassen (N. Luhmann); und das ist weder Starrsinn noch Unvernunft, sondern im Gegenteil eine neuartige Form von Intelligenz, die sich der zunehmenden Komplexität anpasst. Ein Indikator für einen nächsten Schritt in der Evolution der Gattung.

Sozial– oder zeitlogische Belange lassen sich nämlich nicht sachlogisch kontern – diese bislang alternativlose Therapie gegen den postfaktischen Virus ist logisch falsch, und das bemerken immer mehr Menschen. Denn beispielsweise der unwiderlegbare, sachlich korrekte Fakt, dass die Förderung fossiler Energien Arbeitsplätze sichert, ist gehaltlos gegenüber einem ökologischen (zeitlogischen) Standpunkt. Beide Positionen sind wahr, liegen aber auf völlig verschiedenen Ebenen – eine Situation, die, wenn sie bewusst wird, für unsere Gegenwartsgesellschaft noch schwer erträglich ist. Aber: Wir sind bereits so weit, dass man die eine Seite nicht mehr gegen die andere ausspielen kann: Äpfel mit Birnen zu vergleichen, lassen moderne Gesellschaften nicht mehr durchgehen. Sie haben begonnen, gegen ein zu klein gewordenes Weltbild zu rebellieren. (Die eigentliche Katastrophe liegt darin, dass es bisher ausgerechnet Populisten sind, die diesen Shift bemerken und ausnutzen.)

Und dann noch Virtual Reality…

Was dieser Bewegung zusätzliche Schub- und soziale Sprengkraft verleiht, ist die rasante Entwicklung der virtuellen Realität. Wenn unsere Konsum-, Privat-, Freizeit- und Berufswelt erst einmal virtuell flankiert sein wird (was wohl nicht viel länger als ein Jahrzehnt dauern dürfte), erlangt der Begriff des Postfaktischen nochmals eine ganz andere Bedeutung. Denn das, was Menschen als ‚real‘ und ‚wahr‘ empfinden, ist unlösbar gebunden an ihre Sinneswahrnehmungen – und genau die werden durch VR in einem Maße erweitert, intensiviert und sogar teilerneuert, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen, die das für unser Verständnis von Nähe und Freundschaft, für unsere Kommunikation oder auch für die Verbindlichkeit sozialer Werte haben wird, heute noch kaum absehbar sind.

 

Futurama 3d from seccovan (Fingerübungen für die VR der Zukunft)

 

Preconomics® erforscht, welche Beiträge eine Wirtschaft, die sich wieder auf ihre geistig-kulturellen Wurzeln besinnt und sich als Teil der Gesellschaft versteht (Smith, Mill, Marx u.a. lassen grüßen), zu einer postfaktischen Welt leisten kann. Welche Dienstleistungen, Avatare, Mind-Techniques und Warenkommunikationen sind nötig, um Alternativen bereitzustellen zum heute zeitgeistigen instrumentalisierenden Kurzschluss der komplexen logischen Ebenen? Denn genau das ist Auftrag etwa von Verhaltensökonomik und Neuro-Sciences. Dass sich beispielsweise inzwischen alle westlichen Regierungen sogenannter „Nudges“ (Schubser) bedienen, mag politischen Eliten zwar das Regieren erleichtern – aber ist es auch einer steten Anhebung der „Wohlfahrt der Nationen“, einem der Gründungsimpulse wissenschaftlich betriebener Ökonomie, zuträglich?

Worin bestünde eine wohlfahrtsstaatliche Wirtschaft des 22. Jahrhunderts? Dass einige Aspekte komplett neu gedacht werden müssen, steht außer Frage.