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Future Perception

 

lincoln-unscharfKennen Sie die Person?

In der modernen Physik gibt es den sogenannten „Dualismus von Präzision und Relevanz“, eine Formulierung des Quantenphysikers Hans-Peter Dürr. Gemeint ist der bislang noch unklare Fakt, dass in dieser noch jungen naturwissenschaftlichen Disziplin die Bedeutung eines Experiments vorfestgelegt werden muss, damit die Ergebnissen Sinn machen. Der zu beforschende Wert muss anfangs definiert sein; man kann nicht mehrere Aspekte eines Experiments gleichzeitig messen. Erst die Relevanz, dann die Präzision – sonst sind die Ergebnisse nicht interpretierbar.

Wissenschaftliche Zukunftsforschung macht sich diese Erkenntnis zunutze. Übertragen auf eine zukunftsrobuste Ökonomie: Erst die Beantwortung der Frage, was für eine Bedeutung die Innovation haben soll (nicht die betriebswirtschaftliche Kalkulation: wer sie kaufen würde, was ihr „Nutzen“ ist, der USP oder die Differenzierung zum Wettbewerb); oder auch: welche Innovationsidee gesellschaftlich, politisch, ästhetisch, spirituell usw. am meisten „zieht“. Dann erst Entscheidung und Herstellung. „Wettbewerb“ bedeutet hier Konkurrenz um Sinn. Mit anderen Worten: Erst die Bewertung der gesellschaftlichen Relevanz einer Innovation, dann die Präzisierung (für wen, wie genau, wo, wodurch und womit). Geht man ohne die Bestimmung von Relevanz analytisch nur immer mehr in die Tiefe, wird das Vorhaben nicht besser fassbar, sondern im Gegenteil: immer unschärfer.

Präzision vor Relevanz

So besser?

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Oder eher so?

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Das Motiv, warum sich Preconomics der Maxime „Relevanz vor Präzision“ anschließt, lieferte der Sankt Gallener Biochemiker und Systemforscher Frederic Vester bereits in den 1980er Jahren: Menschen sind schlafwandlerisch kompetent darin, Relevanzstrukturen zu erkennen: „Muster“. Sogar, wenn diese äußerst vage erscheinen. Menschen sind jedoch schlecht darin, aus einer Fülle von Detail-Informationen die relevanten herauszufiltern – dann sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht. Statt also erst Info-Overload zu produzieren, sich anschließend über die Unübersichtlichkeit zu beklagen und anzufangen, mentale Filtersysteme zu entwickeln (genau das praktiziert die zeitgenössische „Aufmerksamkeitsökonomie“), lieber mit Hilfe von Relevanz-Filtern von vornherein nur wenige, dafür aber wichtige Faktoren betrachten und diese umgehend in Beziehung zueinander setzen. So funktioniert Informationsverarbeitung in komplexen Umfeldern.

Relevanz vor Präzision

lincoln-scharfAbraham Lincoln

Leider gibt es für dieses Verfahren eine unabdingbare Voraussetzung, die bei zahlreichen, insbesondere europäischen Unternehmen fehlt: Man muss eine Vorstellung davon haben, in welcher Welt man künftig leben will (Amerikaner verfügen fast immer über eine solche Idee, denn sie prozessieren bereits qua Kultur ihren „Traum“). Ohne eine solche Vorstellung lassen sich logischerweise (!) keine Relevanzfilter bestimmen.

Aus diesem Prinzip speisen sich viele ungewohnte Denk-Maximen der wissenschaftlichen Zukunftsforschung: Lieber vage richtig als präzise falsch liegen, ist eine davon. Sachlogische Präzision hilft bei zeitlogischen Problemen nämlich gar nichts – hier liegt vielmehr ein Kategorienfehler vor, der in der etablierten Wissenschaft jedoch gar nicht auffällt. Denn unsere Wissenschaften bearbeiten seit jeher Sachverhalte, keine Zeitverhalte.

Menschen erkennen (neue) Bedeutung sofort, anstrengungslos. Man könnte sagen, Newness (eine zeitlogische Kategorie) ist in unserer Gattung ‚überdeterminiert‘. Und Unternehmen, die Bedeutungshorizonte erweitern, neue Sinngehalte schaffen und damit die Qualität von Bewusstsein und Handeln steigern können, steigen in eine andere Liga auf. Kunden folgen ihnen nahezu bedingungslos und ‚desertieren‘ in diese neue Welt: Zukunftsorientierte Unternehmen bieten neuartige, nie dagewesene Relevanz. Und ökonomische Zukunftsforschung stellt die Instrumente dafür bereit, wie sich diese kreieren lässt.

Bis heute ist Apple unter Steve Jobs wohl das Paradebeispiel für diesen Mechanismus. Die seinerzeit als ästhetische Revolution, auch in Sachen Usability, wahrgenommene Idee von Personalcomputern als technologischem Sinnangebot – inklusive „vom Künstler“ in jedem Gerät signierter Festplatte – ist bis heute einzigartig.
Menschen, die Gelegenheit hatten, die derzeit in Entwicklung befindlichen 3D-Technologien auszuprobieren, wissen ebenfalls, was gemeint ist: Solche Produkte erfinden Erleben neu. Sie begründen ein erstes Fundament von authentischer und gleichzeitig künstlich induzierter Emotionalität und in-der-Welt-Sein. Das Bewusstsein darüber, dass das geht: Welt nicht via eigener Körperlichkeit, sondern mit Hilfe maschineller Exoskelette zu erfahren, ist verwirrend – und mit Recht beängstigend. Niemand vermag zu ermessen, was die beginnende Loslösung des Bewusstseins vom Körper für den Menschen eigentlich bedeutet.
Ein weiteres Beispiel für hohe Relevanz bei gleichzeitig extremer Unklarheit sind die sogenannten „Moonshots“ der kalifornischen Ökonomie: Innovationsfluchtpunkte, die sachlogisch nebulös bleiben oder sogar unmöglich erscheinen, zeitlogisch aber höchst ambitioniert sind. Völlig „anders“, mitreißend, fesselnd, anziehend und verheißungsvoll. Extreme Relevanz, kaum Präzision – und das macht nichts: Nicht nur die Mitarbeiter dieser Konzerne arbeiten fanatisch an „Mondschüssen“, sondern auch deren potenzielle künftige Kunden, die nur vage von diesen Extrem-Visionen hören, beobachten fasziniert jeden Fortschritt.

Sachlich können Moonshots praktisch nicht erklärt werden, mitunter wirken sie verrückt. Zeitlogisch dagegen werden sie zum Anlass immenser Investitionen: Den Anhängern sind sie es wert. Dieser seltsame Zusammenfall von Unklarheit und geradezu magischem Sinn ist kein Paradox (wie jedoch ständig behauptet wird, weil logisch-kulturell nur zweiwertiges Denken zur Verfügung steht), denn die logischen Maßstäbe liegen auf völlig verschiedenen Ebenen.

Hier eine optische Variante für die Priorität der ‚Relevanz vor Präzision‘. Können Sie die Hyroglyphen entziffern? Ansonsten nicht näher heranzoomen, sondern vom Monitor weiter wegtreten!

optische-taeuschung