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Metakognition

 

Hört sich kompliziert an, weil es ungewohnt ist – die Sache selbst ist jedoch nicht schwierig. Der Schriftsteller David Forster Wallace hat, ohne diesen Begriff zu verwenden, eine präzise Definition davon gegeben:

‚Selber denken lernen‘ heißt in Wirklichkeit zu lernen, wie man über das Wie und Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt. Es heißt, selbstbewusst und aufmerksam genug zu sein, um sich zu entscheiden, worauf man achtet, und sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert.

Jeder, der eine Diät macht, muss Wege finden zu kontrollieren, was er zu sich nimmt; jeder, der seinen Wecker stellt, um zu festgelegter Zeit etwas zu tun oder aufzuwachen, kontrolliert Konzentration, Handeln oder Schlaf. Wir wissen, dass unser Verhalten unzuverlässig ist und erfinden daher Mittel zur Selbstüberwachung. Das ist Metakognition – so weit, so vertraut, auch wenn uns der Begriff dafür noch fremd ist.

http://www.pablopicasso.org/girl-beforemirror.jsp/       © Succession Picasso/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Anschaulich wird diese Kompetenz bei zahlreichen Künstlern, die sich oder ihre Modelle spiegelbildlich porträtiert haben – hier ein Beispiel von Pablo Picasso, bei dem sich ein Mädchen im Spiegel betrachtet (Mädchen vor dem Spiegel, 1932). Das Gesicht sieht der Betrachter sowohl im Profil als auch frontal, tagsüber wie nachts, sowohl als junge wie als ältere Frau, Fremdbild versus Selbstbild: Das Mädchen reflektiert sich aus verschiedenen, irrealen Perspektiven – vor allem zu verschiedenen Zeiten. Hier ist plastisch illustriert, wie ‚Reflexion‘ die Wirklichkeit meta-kognitiv übersteigt. Solche ‚Selbst-Bespiegelung‘ dient der Erzeugung von Handlungsalternativen – Denken fundiert Handeln.

Der wohl bislang konkurrenzlose Meister der Illustration metakognitiven Denkens ist M. C. Escher. Von ihm existiert eine Vielzahl von „Spiegel-Bildern“; wie bei Picasso von solchen, in denen das Spiegelbild auf einer anderen, verschobenen Ebene liegt als das Objekt vor dem Spiegel im ‚Hier und Jetzt‘. So liegt etwa ‚Zeit‘ im Auge des Betrachters.

 

 

 

 

Zwei Beispiele für Spiegelungsmotive bei Escher (34 Sek.)

Metakognition bezeichnet die – aus Gehirnforschung und Kybernetik stammende, folglich noch junge – Einsicht, dass sich die menschliche Reflexion keiner Zweiseiten-Struktur verdankt; keinem einfach-spiegelbildlichen Verhältnis zwischen Subjekt („ich denke“) und Objekt („dich“ oder „etwas“). Unsere Kultur unterstellt zwischen diesen beiden Seiten jedoch genau das: eine logische Symmetrie. Beide haben angeblich den gleichen Stellenwert (was Picasso und Escher in Abrede stellen, indem sie es zeigen). Nur aufgrund der ursprünglichen Grundannahme wurde in der Wissenschaft überhaupt so etwas wie die Suche nach „Wahrheit“ mög-lich: denn in unserer Vorstellung ist Wahrheit die Übereinstimmung beider Seiten im ‚an-und-für-sich’.

Wo liegt die praktische Bedeutung?

Der Begriff der Metakognition versteht menschliches Denken grundsätzlich anders und unterstellt eine triadische logische Grundstruktur der Reflexion:

  1. Das Subjekt, welches das Objekt wahrnimmt. Die Sinne spielen dabei eine fundamentale Rolle (‚wie nehmen wir wahr?‘).
  2. Das Objekt, das wahrgenommen wird; sowie
  3. eine „Zweit-Perspektive“ des Subjekts, das die Art und Weise, wie es das Objekt wahrnimmt, „meta-“reflektierend kontrolliert. (Kunstgeschichtlich

    wird zur Kennzeichnung dessen die Spiegel-Metapher eingesetzt.)

  • Ist die Art dieser Beschreibung hier in unserem Sinne?
  • Entspricht unsere Analyse der hier vorliegenden Situation?
  • Trägt diese Beobachtung den uns verfügbaren Bedingungen von Raum und Zeit Rechnung?

Derlei sind metakognitive und genuin zukunftsforscherische Fragen. Denn Metakognition ist die menschliche Fähigkeit, gedanklich zu überprüfen, ob aktuelles Analysieren, Schließen, generell: unser Denken situativ angemessen ist. Oder ob die gerade in Geltung stehende Denkweise verändert werden sollte; vielleicht wäre eine andere besser, zielführender – sinnvoller? Sie bezeichnet das Vermögen, subjektive Kognitionen wie Wahrnehmungen, Entscheidungen, Denkprozesse, Urteile, Überzeugungen, Erinnerungen, Vorstellungen oder Annahmen zu reflektieren, zu bewerten und situativ anzupassen, das heißt: kontrolliert zu verändern.

Und hier sind wir beim springenden Punkt: Vorsicht Denkverbot! Die Welt eine andere sein zu lassen, ist Sache Gottes, nicht des Menschen. Auch, wenn uns das nicht bewusst ist: Wir haben es hier mit einem robusten, nahezu dreitausend Jahre alten kulturellen Tabu zu tun.

Und wozu ist es gut, das zu brechen?

Weil wir uns dadurch befähigen, unser Denken und Handeln jenseits von Normalität und Möglichkeit zu nutzen beziehungsweise einzusetzen: die Grenzen des gegenwärtigen Horizonts unserer Welt zu sprengen und sich zum Beispiel ‚Unmögliches‘ vorzustellen. Dazu brauchen wir Metakognition. Sie ist die Voraussetzung, um aus subjektiven Fiktionen und Fantasie, also aus dem, was wir uns wünschen und was wir real werden lassen wollen, wissenschaftstaugliche Antezipationen zu machen (und sich nicht in Verrücktheit und Visionen zu verirren). Denn ohne eine reflexive Kontrolle sowohl der Art und Weise, wie die jeweiligen Fiktionen zustande kommen sollen, als auch der Gründe, warum aus gerade diesen ‚bloßen Fiktionen‘ konkrete handlungsleitende Antezipationen werden sollen, lassen sich die zukunftsforscherischen Wegmarken für ein Handeln ‚ins Morgen hinein’ nicht seriös und vernünftig ausweisen. Bekanntlich helfen auch Esoteriker und Sekten gern weiter, wenn es um Zukunft geht; wissenschaftliche Zukunftsforschung beansprucht im Gegensatz dazu jedoch, ein bestimmtes Morgen auch transparent begründen zu können. Es plausibel zu machen, die Motive argumentativ vorzuführen und nur dadurch das Ganze auch zur Disposition stellen zu können, darüber streiten zu lassen und es gegebenenfalls auch wieder verwerfen zu können (was nicht im Interesse anderer Zukunftswissender liegt).

Metakognition ist die Bedingung der Möglichkeit, auf gedanklich-kontrollierte (und damit wissenschaftsfähige) Weise die Zukunft zu denken. Alles andere ist womöglich auch interessant, aber keine Zukunftsforschung.