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Future Logic

 

Ein Denken der Zukunft – das heißt eine gedanklich-vorwegnehmende, gestaltungsorientierte Bewältigung von dem, was kommt – fußt auf einer Logik, die heute noch kaum gelehrt wird. Ganz im Gegenteil: Studierende der Wirtschaftswissenschaften werden mit den gleichen Inhalten in die Unternehmenswelt entlassen, die schon vor 30 Jahren an den Hochschulen up to date waren (selbstverständlich: etwa in der BWL plus einige ornamentale Anpassungen in Sachen „Social Skills“, Unternehmensethik oder Compliance). Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich in dieser Zeitspanne einiges ereignet hat, was die alte Zuversicht in die traditionellen Instrumente eigentlich gründlich erschüttert haben könnte:

 

  • Politische Erdrutsche (1989, 9/11, fundamentalistischer globaler Terrorismus, Ägyptischer Frühling und schnell anschließender Herbst, aktueller europäischer Rechtspopulismus, globale Migration u.a.)
  • Finanzmarkt- und Bankenkrise
  • Euro-Schuldenkrise
  • Paradigmenwechsel für ganze Branchen (Finanzen, Energie)
  • Grundlegende Vertrauenskrise hinsichtlich Datenverkehr und Transparenz, Führungseliten usw.

Während sich die einen angesichts dieser multiplen Krisen um den Wiederaufbau des Image‘ von „Fakten“ beziehungsweise der „Vernunft“ bemühen (Wissenschaftler, Journalisten sowie die Mehrheit der Politiker), stellen die anderen genau diese Fakten infrage: Angesichts von medial inszenierten Kriegen (Irakkrieg), ideologischen Wahlkämpfen (britische Brexit-Kampagne) oder zunehmender Chatbot-Kommunikation im Internet (man kann nicht sicher sein, ob man mit einem Menschen oder einer Maschine spricht), wird der lapidare Verweis auf die einschlägige Bedeutung von Fakten, an denen man sich doch orientieren müsse, fragwürdig (vgl. Postfaktizität).

Aber stimmt diese simple Entgegensetzung überhaupt: Hier die faktische Wahrheit, dort die Lüge? Könnte es nicht sein, dass „Lügen“ mitunter an anderen Maßstäben als an sachlicher Korrektheit ausgerichtet sind? Was man von dieser Debatte hält, hängt grundlegend davon ab, auf welche beziehungsweise wie viele logische Ebenen man sich einlässt. Denn unsere westliche Kultur hat sich vor drei Jahrtausenden dafür entschieden, einseitig das Sachlogisch-Faktische hervorzuheben und andere, für Menschen genauso bedeutsame logische Dimensionen wie etwa das Zwischenmenschliche (Soziales) oder den Blick auf das Kommende (Zeit) zu vernachlässigen. Je mehr Perspektiven man sieht und bereit ist, analytisch zuzulassen, desto relativer werden Gegensätze allein auf einer, etwa sachlogischer Ebene, denn es gibt weitaus gewichtigere zwischen diesen Ebenen.

So ist zum Beispiel in traditioneller Sichtweise das Gegenteil von Vernunft Unvernunft – auf sachlogischer Ebene (ein bereits fortgeschrittenes Studium oder einen gut bezahlten Job aufzugeben für einen anderen Lebensstil gilt als unvernünftig, kann aber als äußerst sinnvoll empfunden werden – ein qualitativ völlig anderer Vernunftmaßstab, nämlich ein zeitlogischer). Das Gegenteil von Gott ist auf christlich-religiöser Ebene der Teufel, auf alternativer religiöser Ebene aber vielleicht Buddha, Mohammed, eine atheistische Grundhaltung oder schlicht die materielle Welt („Diesseits“). Und das Gegenteil von eckig ist rund nur dann, wenn man verinnerlicht hat, dass beides zusammen nicht wahrnehmbar ist und sich durch die Art, wie Menschen sehen, ausschließt. Bloß sind all diese Grundannahmen erlernte Glaubenssätze und eben keine „Wahrheiten“. Und sie sind nur sehr begrenzt ‚logisch‘ zu nennen. (Vgl. dazu unser Denkwerkzeug zur Bewältigung von Komplexität, das Logitom).

 

Zukunftslogik

In der sogenannten „mehrwertigen“ Logik von Zukunftsforschung werden solche Glaubenssätze systematisch ausgehebelt; diesem Zweck dienen unsere Methoden. Diese Logik nennt sich polylogisch, weil sie sich auf mehrere, ganz unterschiedliche Ebenen bezieht – nur können wir diese nicht alle auf einmal sehen (dazu braucht es spezielle Denkwerkzeuge). Es ist keineswegs bloß ein Missverständnis, sondern ein logischer Fehler mit kulturell immensen Auswirkungen zu meinen, ein ‚Mehreinsatz’ von Vernunft bedeute quasi-automatisch, dass Vernunft in immer gleicher Richtung angelegt sei, in der unsere Vorfahren sie angelegt hatten (nämlich sachlogisch), und dass diese Richtung auch die einzige war, die sie sich nur vorstellen konnten. Eine solche Vernunft wäre monologisch und monoperspektivisch: eine sich stetig steigernde Vernunft des „immer weiter so“. In dieser Weise funktioniert Prognostik, denn sie arbeitet ausschließlich mit Daten der Vergangenheit („Fakten“). Eine andere Richtung als die, in die unsere Erfahrung weist, können Prognosen logischerweise nicht zeigen. In der Ökonomie ist die Kritik an einer solchen Vorstellung von Entwicklung längst ein alter Hut – bloß passiert praktisch nichts in Sachen konzeptioneller Alternativen!

Stellt man jedoch in Rechnung, dass Vernunft kein Kontrastprogramm ist zu Alternativen, Kunst, Kreativität und Fiktionen, Experimenten oder Gedankenspielen, sondern auf verschiedenen logischen Ebenen liegen kann, wird es plötzlich möglich, auch Dinge, über die wir staunen; die wir neu oder faszinierend finden, vielleicht sogar unglaublich, mit Blick auf das noch Kommende, auf individuelle Wünsche oder kollektive Utopien vernünftig zu finden. Sogar scheinbar verrückte, gar irreal scheinende Ideen kommen dann ernsthaft infrage, werden vernunftfähig, weil relevant. Dinge, die für Menschen Sinn und Bedeutung haben, liegen auf ganz verschiedenen logischen Ebenen und sind prinzipiell alle vernunftfähig. Erst mit einer polylogischen, also logisch mehrwertigen Perspektive lassen sich die Grenzen, innerhalb derer wir bislang Sinn, Bedeutung, Vernunft und Logik nur verortet haben, kontrolliert erweitern.

 

„Geht nicht“ gibt’s nicht

  • Es kann beispielsweise vernünftig sein, bei schwerer Krankheit einen Therapievorschlag abzulehnen. Der damit einhergehende „Verweigerungsgewinn“ liegt auf einer anderen Ebene an Lebensqualität als zwischen den Polen Krankheit – Gesundheit.
  • Es kann unternehmerisch vernünftig sein, an physikalisch als unmöglich scheinenden Innovationen zu arbeiten, denn es besteht immer die Chance, dass mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technik die Mittel zu ihrer Umsetzung auf dem Weg dorthin erfunden werden. Und zwar nicht zufällig („die Hoffnung stirbt zuletzt“), sondern in gewissem Sinne konsequent richtungsorientiert – denn man hat ja eine konkrete Antezipation vor Augen, auf die man hinarbeitet. Fotografie und Elektrizität kamen genau so zustande. Zwar fußt nicht jede Innovation auf einer solchen Logik, aber nahezu jede radikale. Vollkommen Neues ist nicht anders kreierbar: Man versucht etwas, von dem alle sagen, es sei unmöglich.

Wir entwickeln Werkzeuge für eine Preconomics, in der sich anders denken lässt. Und damit auch innovativer handeln: was bedeutet, in einer hochdynamischen globalen Ökonomie erfolgswahrscheinlicher.