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Future Learning

 

Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat bereits in den 1950er Jahren eine Unterscheidung zwischen zwei kognitiven Lernarten getroffen:

  • Assimilation als Nachahmung: Das Kind schaut sich das Verhalten der Eltern ab und übt sich darin, es ihnen gleichzutun („Mimesis“).
  • Akkomodation als Anpassung: Ähnlich, wie sich das Auge auf Fern- oder Nahsicht in jedem Augenblick neu einstellt und Entfernungen „akkomodiert“, überträgt das Kind sein bisher erlerntes Wissen – je älter es wird, desto erfolgreicher – auf andere Situationen und in wissensfremde Kontexte. Es wendet also etwas, das es weiß, in Umfeldern an, die es nicht kennt, und „matcht“ damit Bekanntes mit Unbekanntem. Es lernt, in Kontexten, in denen es über keinerlei Erfahrung verfügt, trotzdem erfolgreich zu handeln.

 

NasaWenn also innerhalb der nächsten Jahrzehnte das erste Team der bemannten Raumfahrt den Mars erkunden wird, kann es diese existenziell-neuartige Situation nicht oder kaum assimilierend, jedoch in erheblichem Maße akkomodierend bewältigen: Es nutzt fiktives Wissen und Antezipationen aus der Vorbereitung, wie es dort wohl sein wird, dazu, sich spontan situationsgerecht zu verhalten. Die Maxime „Learning by doing“ spielt auf solches akkomodierende Lernen an.

 

Und die Unternehmen?

Die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens liegt nicht in seinem Sachwissen über das Profil seines künftigen Marktes; das ist vielmehr das (alte) Weltbild traditioneller Marktforschung. Zwar behaupten dies nach wie vor die Wirtschaftswissenschaften; Unternehmen, die seit Jahrzehnten Corporate Foresight betreiben, aber schon lange nicht mehr. Gary Hamel und C. K. Prahalad haben bereits 1994 („Competing for the Future“) diesen Irrtum abgeräumt, nur wurde das Argument überhört: Die existenzielle Absicherung einer Wirtschaftsorganisation finde heute in der Markt-Vorphase statt. In jener Etappe also, in der noch kein ökonomisches, sondern erst einmal intellektuelles Kapital gebildet wird. Die beiden Management-Vordenker sprachen schon vor mehr als zwanzig Jahren von Vormarkt-Wettbewerb („Premarket Competition“): Und damit von demjenigen für das Unternehmen überlebenswichtigen Entwicklungsstadium, in welchem dem künftigen Unternehmensumfeld gedanklich vorgegriffen wird (beziehungsweise werden muss, innovationsbedingt).

Antezipationen sind solche gedanklichen Vorgriffe. Wir stellen dabei Bekanntes in Zusammenhänge, die mit diesem Bekannten entweder nichts zu tun haben, oder die noch kaum zu erkennen, undeutlich oder auch reine Fantasieprodukte sind. Dabei wird konsequent akkomodiert: gedacht nicht allein auf sachlogischer Ebene (wie bei der Prognostik, bei der grundsätzlich nur mit Erfahrungswerten gearbeitet werden kann), sondern auf mehreren Ebenen. Der Grafiker M. C. Escher hat diese Mehrebenen-Wahrnehmungen, obwohl ihnen keinerlei irdische Realität entspricht, in zahlreichen Varianten illustriert.

Up and Down, MC Escher, from keltoi. Lernen, wie „Raum“ subjektiv funktioniert: Die drei Raumdimensionen kippen ineinander

 

Soll heißen: ‚Preconomisches‘ Denken sprengt die Zwangsjacke unserer Erfahrungen, die auf bisherigen Sinneserlebnissen beruht. Wenn die Situation radikal neu ist, kann uns unsere Erfahrung sogar in die Katastrophe führen – ohne, dass wir dies bemerkten (wir kennen ja nichts anderes). „Vor-ökonomisches“ Denken steigt aus der gegenwärtigen Wirtschaftsrealität aus: Es simuliert einen Zustand vor aller Erfahrung, der es erlaubt, Denken und Wahrnehmen nicht durch Erlerntes und Gewesenes ‚kontaminieren‘ zu lassen. Es ersetzt also biologisch-physisch zustande gekommene Erfahrung durch antezipativ zustande kommende Kalkulation mit Fiktionen. Wissenschaftliche Zukunftsforschung erzeugt mithilfe kognitiv kontrollierter (!) Fiktionen Vorstellungswelten, die – um es in der Diktion der Enterprise zu sagen – noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die jedoch – und das ist die Pointe preconomischen Denkens – dank Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz inzwischen technologisch wirklich geworden sind. Genau das ist der Entstehungsgrund wissenschaftlicher Zukunftsforschung: Wenn der Technologiestandard es zulässt, die Realität zu übersteigen, muss sich das Denken ändern. Mit „Wissen“, „Erfahrung“ und darauf beruhender „Intuition“ allein kommen wir dann nicht mehr weiter.

Nur haben das noch nicht alle verstanden. Was wiederum immense Chancen schafft für diejenigen, die bereit sind, auf Vorrat zu denken.