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Beispiele

 

In welchen Gesellschaftsbereichen sind Ergebnisse und Wirkungen angewandter Zukunftsforschung überhaupt wahrnehmbar?

Architektur

International gibt es inzwischen eine Vielzahl neuartiger Architekturkonzepte und spezialisierter Projektbüros, die Zukunft in Raumgestaltung übersetzen. Am vielleicht anschaulichsten in Gestalt der neuen Konzernzentralen von Tech-Riesen aus dem Silicon Valley. Was daran genau „Zukunft“ ist, bezieht sich nicht nur auf die Anmutung dieser Gebäude (Planeten- oder Ufo-Assoziation), sondern ganz konkret auf verwendete Werkstoffe, Formgebung und Materialien. Der neue Googleplex etwa ist eine bewusst gestaltete Spielwiese mit Blick auf das erste Mars-Habitat: Dort wird experimentiert mit (Licht- und Temperatur-) Dämmstoffen sowie speziellen Materialgefügen (Wabenstruktur).

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Fotos/Illustrationen von den Homepages der Unternehmen Amazon, Apple und Google 2016

Forschung

In Europa gibt es solche Beforschung der Zukunft ebenfalls – allerdings weniger passioniert. Das „Cyberneum“ auf dem Campus des Max-Plack-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen ist ein Beispiel dafür. In mehreren High-Tech-Laboren im Innern dieses Stahlmonsters erforschen Wissenschaftler die menschliche Wahrnehmung – mittels künstlicher Welten. Ausnahmsweise geht es hier jedoch einmal nicht (zumindest nicht direkt), wie bei unseren kalifornischen Freunden, um Virtuelle Realität, monströse Helme oder Handschuhe; sondern darum herauszubekommen, was Menschen in der Schwerelosigkeit oder bei unbekannten Gravitationsverhältnissen empfinden. So haben die Baden-Württemberger einen Seil-Roboter entwickelt, dessen Plattform sich per Knopfdruck in atemberaubender Geschwindigkeit durch eine Halle bewegt. Hauptsächlich steht dabei der Gleichgewichtssinn im Fokus, etwa um Medikamente für Drehschwindel oder industrielle Anwendungen zu entwickeln, beispielsweise um solche Plattformen als eine Art Außenaufzug zu nutzen und damit Flugzeuge zu lackieren.

 

Kosmologie

Der US-amerikanische militärisch-industrielle Komplex ist in Sachen Planung der ersten Marsmission erstaunlich weit – und präzise. So sind die ersten Jahrhunderte der Expansion konzeptionell bereits im Detail geplant: Vor allem will man die Atmosphäre ändern. Ein extrem langfristiges Projekt und Priorität für die ersten 1000 Jahre, damit überhaupt irgendwann einmal Menschen ohne Atemgeräte auf der Marsoberfläche herumlaufen können.

 

marsmission

Illustration (ohne Kommentierung): Stefan Morrell/National Geographic Creative

Silicon Valley

Kalifornien bietet das bisher einzige ökonomische Cluster auf, das zukunftsforscherisch ausgerichtet ist – und dies bereits seit Jahrzehnten. Allerdings steht das Valley erst seit ca. zwanzig Jahren im Zentrum der Öffentlichkeit; und zwar nicht wegen seines zukunftsforscherischen Profils, sondern aufgrund des ökonomischen Erfolgs. Fragt man Wirtschaftsexperten nach den Gründen für diesen Erfolg, werden zumeist genannt: Gute Strategiearbeit, Ausnutzung der Macht von IT und Algorithmen („Disruptionen“), kluge Geschäftsmodelle, rigides kernkompetenzorientiertes Management.

Zwar ist das nicht falsch, aber doch nicht die Pointe: die gefühlte Pointe, welche die Faszination dieser Unternehmen für den Rest der Welt ausmacht. Man kommt ihr näher, wenn man die Innovationsfluchtpunkte beobachtet, die diese Unternehmen im Sinn haben und auch freimütig ausweisen – Gründung eines Habitats auf dem Mars, Eroberung des Sonnensystems, Warenlieferungen möglichst „sofort“, nachdem der Wunsch aufkommt (Drohnen), Beseitigung von Krebs, Lebensverlängerung auf 200 Jahre usw. Für europäische Verhältnisse exzentrisch. Diese Unternehmen agieren zeitlogisch, nicht sachlogisch; eine Praxis, die es in Europa bis heute nicht gibt. Hier ein Beispiel der NASA, die eng mit Valley-Unternehmen kooperiert (ebenso wie das Pentagon): Eine „Frühbucher-Aktion“ für die ganz Trendigen. ‚Melden Sie sich schon heute an, wenn Sie zu den ersten gehören wollen, die ihren Fuß auf Kepler 186f setzen…!‘ Marketing also nicht nur lange bevor es das „Produkt“ überhaupt gibt, sondern überdies ins Blaue hinein – denn es bleibt offen, ob es dieses „Produkt“ (Reise zu den neu entdeckten Kepler-Planeten) jemals geben wird.

Plakat-Werbekampagne NASA

Courtesy NASA/JPL-Caltech

Wirtschaft / Unternehmen (1)

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien über Zukunftswahrnehmungen. Einer der Startpunkte war die Forschung des schwedischen Neurophysiologen David H. Ingvar, der von 1953 – 1983 an der Universität in Lund lehrte. Er beschäftigte sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Gehirn und unserem Denken einerseits sowie der Zeit, speziell der Zukunft und dem freien Willen andererseits. In einem breit diskutierten Artikel „Memory of the Future“ von 1985 beschreibt er, wie Menschen zukunftsintelligent handeln: nämlich dadurch, dass sie ihre „Erinnerungen an die Zukunft“ (= Antezipationen: Vorstellungen, die sie sich über das auf-sie-Zukommende in fiktionalen Probedurchläufen machen) in Situationen, in denen dieses auf Vorrat Vorbedachte relevant wird, „im Gedächtnis besuchen“ – nur dass „Gedächtnis“ hier einen Zukunftsspeicher meint, keine Ablage vergangener Erfahrungen. Die grundlegende Erkenntnis, dass Menschen ihre je subjektiv-relevanten Zukünfte mental speichern und im Handeln über sie verfügen beziehungsweise einsetzen können, war in der wissenschaftlichen Zukunftsforschung ein Durchbruch für diverse Antezipationstechniken.

Beispiel Finanzbranche: Führende, erfolgreiche Finanzanalysten praktizieren genau das: Sie preisen in ihre Zahlenprognosen auf den ersten Blick entlegen scheinende Faktoren wie die politische Lage, das Wetter oder Siege der jeweils wichtigsten Sport-Liga systematisch mit ein. Was bedeutet, Märkte dadurch zu bewerten, dass solche Analysten einen Großteil ihres Tages damit verbringen, Zeitung zu lesen, Bloomberg-TV zu schauen und, wie sie es nennen, ein Gefühl für den Markt zu entwickeln. Dabei wird (noch) nicht gerechnet: Die Möglichkeiten der Kalkulation sind begrenzt und Prognosen fehleranfällig. Aktuelle Zahlen besagen nichts über die Weiterentwicklung des Marktes. Protestbewegungen wie „Occupy Wall Street“ beispielsweise werden intensiv diskutiert: Was sagen diese Proteste über die Gesellschaft aus? Was könnte das in Zukunft für die Märkte bedeuten?

Voraussicht ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann (allerdings nicht in klassischen Bildungsinstitutionen). Verhaltensökonomen basteln dafür an nützlichen Heuristiken, Gehirnforscher ergründen chemisch-physikalische Zusammenhänge – und Zukunftsforscher beschäftigen sich mit Erwartungsmanagement: Wie sich kognitiv kontrolliert (also logisch-systematisch) der Horizont unseres perspektivischen (Er-) Fassungsvermögens erweitern lässt. Das ist das Gegenteil dessen, was die Wirtschaftswissenschaft lehrt:

  • Zergliedere, analysiere, quantifiziere und rechne hoch.
  • Zukunftsforschung hält entgegen: Dehne den Horizont und eliminiere systematisch blinde Flecken. Erkunde Relevanz, nicht Präzision. Priorisiere die für dich maximale Bedeutung und konzentriere dich fortan auf genau diesen Sog an Faszination und Sinn. Alles andere ist zweitrangig.

Radikale Innovationen entstehen genau so.

Wirtschaft / Unternehmen (2)

Zukunftswahrnehmungen sind Vorstellungsweisen, die es schaffen, das, was jeweils aktuell unter Normalität oder Gewohnheit verstanden wird, zu übersteigen. Sie sind subjektiv reflektiert: für das etablierte Wissenschaftsleitbild eine Kuriosität, die es nicht geben kann (resp. darf). Der Grund: Subjektives ist Privatsache – eine Idiosynkrasie, Eigentümlichkeit, mitunter auch Verschrobenheit, vor der die Allgemeinheit geschützt werden muss: Genau das ist Aufgabe der Peers in der Wissenschaft.

Distanzieren sich Unternehmen im Umgang mit diesem eindimensionalen Denkstil aus alter Tradition, geraten sie in ökonomische Zonen, „die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat“.

  • Beispiel Voith: Der Maschinenbauer aus Heidenheim, Weltmarkt-Akteur, hat das Selbstverständnis der eigenen Branche für sich (!) umjustiert und das, was das Unternehmen unter „Spitzentechnik“ versteht, neu definiert. Die Überlegung: Wenn die Firma in den sogenannten ‚Emerging Markets‘ mitspielen will, gelten Qualitätsstandards, Gütekriterien, Bedürfnisbestimmungen und Kundenorientierungen der Emerging Markets – und nicht der jahrzehntelang selbstreferenziell vor sich hin gewachsenen deutschen, an Perfektionismus, bestem Material und Produkt-Langlebigkeit orientierten Ingenieurskultur. „Beste Produkte“ begeistern uns, aber beispielsweise keine Inder, die mit schlechten Straßen, ständig zusammenbrechenden Stromnetzen und unvergleichlich geringen Budgets zurecht kommen müssen. Die Zukunftswahrnehmung also: Statt Weltmarktführer in Sachen Qualität und Perfektion innerhalb ‚der‘ globalen Ökonomie werden zu wollen (logischer Unsinn und Blinder Fleck), will man künftig in den vielen bunten und von ganz unterschiedlichen Entwicklungsniveaus aufstrebenden Ökonomien der Exportweltmeister sein (Lektüre). Das ist Future Perception: Best-in-class-Qualität zu bemessen am relevanten ökonomischen Kontext, nicht an der universalistischen, angestaubten BWL-Definition aus dem International Management-Lehrbuch. Relevanz vor Präzision!
  • Beispiel China und Indien: Leider sind in Europa solche exzeptionellen Umgangsweisen mit der globalisierten Welt kaum zu beobachten – in anderen Ländern dafür in rasant steigender Häufigkeit. In China ist bereits jedes zehnte Auto ein Elektroauto, Kostenpunkt ca. 3.000 Dollar. In Indien produziert der Hersteller Godrej, ein traditions- wie visionsversessenes Unternehmen, Kühlschränke (mit einer neuartigen Technologie) für 49 Dollar das Stück. Die antezipative Zugkraft dahinter bilden keine Trendanalysen, Kalkulationen künftiger Zahlungsbereitschaften oder Wertewandelforschung – und damit dasjenige, was hierzulande im Wesentlichen unter Corporate Foresight verstanden wird -, sondern ein eigener ‚Moonshot‘ von einer anderen indischen Gesellschaft.

 

 

Selbstverständlich: Das ist Marketing. Bloß ist Marketing logisch nicht das Gegenteil (!) von ernst gemeinten ökonomischen Zukunftshorizonten. Dass Marketing auch Transmissionsriemen und Katalysator sein kann für sozialen Wandel, gilt hierzulande entweder als neoliberale Ideologie oder gleich als Lobbyismus – für eine alternative Bewertung dieser Art von ‚Newness‘ reicht es noch nicht. Jedoch: Das Silicon Valley lehrt in aller Deutlichkeit, dass Ökonomie die Welt verändern kann. Zeit, unsere europäischen Blindstellen zu bearbeiten!

Solange deutsches Zukunftsdenken dem vor-uns-Liegenden noch mit Cross-Impact-Matrizen und – aus Ermangelung an Fantasie und Zutrauen in die eigene Gestaltungsmacht – mit anstaltsmäßig organisierten Zwangsinspirationen, Nerds und ganz viel Kunst zu Leibe rückt (Kreativität!), ist eine andere Zukunft noch fern.

Was für Chancen für unternehmerische Weltveränderer!