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Anwendungsbezug

 

Zukunftsforschung ist eine „Praxiswissenschaft“. Sie will keine Theoriegebäude auftürmen über die Welt von morgen, sondern bessere Entscheidungen fördern im Heute – für ein besseres Morgen, was auch immer „besser“ jeweils meint. Sie will nicht angeben, was kommt, sondern noch im Handeln zur Not spontan Richtung und Gestalt (Ziel und Mittel) wechseln können, wenn die Bedingungen schwieriger werden („liquid deciding“). Das freilich bedingt ein anderes wissenschaftliches Denken als das, was wir kennen. In jedem Fall steht alles Konzeptionelle hier im Dienst der Praxis – die Theorie ist ihr untergeordnet. Theorie ist reiner „Dienstleister“.

Was bedeutet das?

Man könnte auf die Idee kommen, das sei banal. Denn welche Wissenschaft will schon aus Selbstzweck theoretisieren?

Ohne gut durchdachte Theorie kein praktischer Erfolg

Die etablierte Wissenschaft will das. Präziser: Sie meint, das zu müssen. Unserer Auffassung nach handelt es sich dabei allerdings lediglich um einen Glaubenssatz (und Denkfehler):

Laut allgemeinem Wissenschaftskanon gilt, dass erfolgreich Handeln nur könne, wer über ein zuvor definiertes, zielorientiertes, möglichst genaues Konzept verfüge. Wer sich in einem Ansatz, einer Methode oder einem theoretischen Konzept zuvor verankere. Wir bräuchten zwingend einen Haken, an dem sich das Handeln festmachen ließe: Erst einmal sei nämlich etwas vonnöten, auf dem das Handeln aufbauen kann, sonst schwebe man frei im Raum beziehungsweise dümpele orientierungslos herum.

In unserer Wissenschaftssprache gibt es dafür ein ganzes lexikalisches Arsenal an Fachbegriffen, das diese Haltung absichert (Prämissen, notwendige versus hinreichende Bedingungen, Präliminarien, These oder Hypothese als Ausgangsbasis für Forschung, zahlreiche Methoden wie Deduktion oder Induktion usw.). Solche Modelle gemahnen an das immer-Gleiche: ‚Mach dir Gedanken über das Ziel und den Weg dorthin; und dann schreite ihn diszipliniert ab. Beachtest du diesen Standard, kann nichts schief gehen.‘

Da das nun schon lange tradiert und konfirmiert wird und überdies offenbar gut funktioniert – wir stehen immerhin kurz vor dem ‚Sprung’ auf andere Planeten –, gilt es alternativ- und kritiklos als gute Idee: Wissenschaft als Waffe, mit deren Kimme-und-Korn das Ziel exakt fixiert wird, um anschließend final zu ‚handeln‘. Dieses Verfahren ist uns derart in Fleisch und Blut (und Kopf) übergegangen, dass es schlicht irrational erscheint, wenn man es infrage stellt. Nichtsdestotrotz: Genau das macht Zukunftsforschung.

Kein praktischer Erfolg ohne wissenschaftlich informiertes Handeln

Zukunftsforschung bezweifelt das Modell ganz grundsätzlich. Unser Argument: Vernünftige Ziele für eine Zukunft, die unvergleichlich dynamischer und unkalkulierbarer sein wird als das Heute, sind in einer deutlich unterkomplexeren Gegenwart kaum auszumachen. Wird diese substanzielle Kluft zwischen Heute und Morgen ignoriert, ist die einzige Möglichkeit im alten Weltbild, trotz dieser neuen Situation einfach weiterzumachen. Bedeutet: absichern – absichern – absichern. Die Anzahl der Haken erhöhen, die Begründungen verbessern, genauer messen, noch genauer rechnen und immer schön optimistisch bleiben! (Die Hoffnung stirbt zuletzt. Stellen Sie sich vor, der Quantencomputer kommt: wie viele Haken Sie dann einsetzen könnten…!)

Unser Gegenvorschlag: von ‚Denken als theoretischer Ziel- und Lösungsfindung’ auf ein – strikt aus der Praxis heraus praktiziertes – ‚Denken auf Vorrat’ umzuschalten. Denn wenn in komplexen und dynamischen Umwelten die Ziele selber an Zahl immer weiter zunehmen, ihre Auswahl schwer fällt und man gar nicht mehr alle im Blick behalten, geschweige denn gegeneinander abwägen kann: Wie kann es dann klug sein, in diesem gefühlten Chaos ein einzelnes, spezielles Ziel herauszugreifen, als vernünftig zu deklarieren und das Handeln ausschließlich darauf auszurichten? Ist solche Wissenschaft noch angemessen, zeitgemäß? Ist das vernünftig?

  • Wieso dieses Ziel (jemand anderes schlägt ein anderes vor: liberale Demokratie, Meinungsvielfalt)?
  • Wieso mit diesen Argumenten (jemand anderes führt andere, nicht vergleichbare Motive an: vgl. die „wissenschaftliche“ Gutachter-Szene oder politische Argumente im 21. Jahrhundert – etwa die „Begründung“ des Irak-Krieges, des Brexits, Wahlkampf-„Argumente“)?
  • Wieso alles auf eine Karte setzen (wenn mehrere Wahrheiten nebeneinander stehen, sind dann „The winner takes it all“-Strategien nicht extrem gefährlich)?

‚Die’ Gesellschaft weiß das alles längst. (Die Neue Rechte liefert plastisches Anschauungsmaterial für diesen Status quo: ein Zwischenstadium. Die angeblich so schwer erklärbare Attraktivität des europäischen Rechtspopulismus mit seinen „Lügenpresse“-Vorwürfen und Autoritätsgesten ist gar nicht schwer erklärbar: Der logische Fake, der im alten Denken eingekapselt ist, wird durchschaut. Bloß was tun? Durchschauen alleine hilft nicht. Und deshalb wächst leider die Zielgruppe, die für imperatorische Vereinfachungen dieser gar nicht einfachen „Lügen“ anfällig ist. Und deshalb kann man zwar die Vereinfachungsstrategien kritisieren, nicht aber die Logik, die hinter der Bewegung steht. Hier hat Donald Trump einmal recht: Das ist eine Bewegung, vorerst jedoch eine qualitative; das heißt noch keine quantitative, die in Umfragen schon objektivierbar wäre. Gerade das macht sie jedoch unkalkulierbar und so beängstigend: Immer offensichtlicher funktioniert die bloße Messung nicht mehr. Die Haken zerbröseln – und das alte Modell kippt.)

‚Logisch‘ ist am offiziellen, mit allen wissenschaftlichen Weihen geadelten „erst die Theorie, dann die Praxis“-Dekret also nicht mehr viel. Und eine Wissenschaft, die sich ungerührt weiterhin in diese überkommene Tradition stellt, macht sich unglaubwürdig. Logisch wäre, nach einer – um willen eines Handlungsanfangs natürlich grundsätzlich erforderlichen – Zielbestimmung umgehend ein Denken auf Vorrat anzuschließen; damit

  • falls sich das Ziel als nicht optimal oder gar falsch erweist;
  • wenn sich später aus dem Chor der Argumente-Geber und Begründer der Sieger in Sachen Plausibilität herausschält (der, der am meisten überzeugt);
  • falls sich Dinge ereignen, die mit dem Zielhandeln gar nichts zu tun haben, es aber womöglich sinnlos werden lassen,

man möglichst schnell und kompetent reagieren kann. Man Alternativen hat, die bereits vorbedacht wurden und dadurch zügig entscheidbar sind. Und man in ein anderes Vorstellungsmodell springen kann. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei gefühlten 100 Prozent, dass von der Entwicklung dieser Fähigkeit das Überleben unserer Gattung abhängt. (Anfänglich ’nur‘ aus ökologischen Gründen, inzwischen jedoch auch aufgrund global-ökonomischer und politischer Entwicklungen: Längst positioniert sich eine neue ‚Elite‘.)

Kritische Fragen an die Wissenschaft

  • Sollte diese Entwicklung in der Politik von Populisten oder Extremisten vorangetrieben und geprägt werden?
  • Sollte diese Entwicklung in der Wirtschaft von nur einer Kultur (etwa der kalifornischen) dominiert und in ihrem Richtungspunkt für alle verbindlich diktiert werden?
  • Sollte diese Entwicklung im Recht lieber verdeckt als bearbeitet und damit zumindest potenziell zugelassen werden, dass die Glaubwürdigkeit rechtsstaatlicher Prinzipien erodiert?

Für die ersten beiden gesellschaftlichen Teilbereiche braucht man keine Beispiele zu nennen – sie sind geläufig. Aber auch in anderen Sektoren, etwa im Recht, gibt es genügend Beispiele. Ein besonders anschauliches hier (Aufhänger der Debatte: ein Justizdrama in der ARD) …

 

 

und – nachdem das Fernsehpublikum zu 87 Prozent anders entschied als das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zu solchen Sachverhalten aus dem Jahr 2006 – hier die Kommentierung eines sichtlich um Worte und um die Vermittlung von eigentlich unvermittelbaren Positionen ringenden ehemaligen Bundesverfassungsrichters. (Quelle für beides: heute-journal vom 18. Oktober 2016)

 

 

Dass mit Wissenschaft in diesem Modus kein „Staat mehr zu machen“ ist und unsere komplexen Lebens- und Entscheidungswelten nicht mehr angemessen repräsentiert werden, scheint für die meisten längst ausgemachte Sache zu sein.

Wann also reagiert die Wissenschaft?

Oder will sie sich von Praxisrelevanz ganz verabschieden?